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Begegnung in Wien© 2005 Patricia Dragston
Leseprobe:Sie fasste ihn an den Händen und sah ihm tief in die Augen. „Es tut mir leid, Paul, aber ich werde nicht mit dir kommen.“ Sie ließ ihn los und wandte sich an den Mann, der hinter ihr stand. Der nahm sie fest in seine Arme und nickte dem Anderen zu. Verachtung, aber auch ein gewisser Triumph lagen in seinem Blick. Stefanie seufzte. „Geiler Film!“ Es war das erste Mal, dass sie für einige Zeit voneinander getrennt sein würden, seitdem er damals wegen ihr von Königswinter her, nach Fürth, gezogen war. Zwar hatten sie noch immer getrennte Wohnungen, aber dennoch hatten sie sich in den letzten Monaten fast täglich gesehen. Und nun sollte er doch das erste Wochenende ohne seine Stefanie sein. Peter hatte Martin die Bitte nicht abschlagen können. Und das nicht nur, weil er durch ihn den Job hier bekommen hatte. Nein, in Martins Beziehung zu seiner Frau schien es auch langsam wieder besser zu laufen, und so fühlte sich Peter schon allein freundschaftlich verpflichtet. Immerhin verlief seine Beziehung zu Stefanie hervorragend, und diese paar Tage konnte ihr keinen Abbruch tun. Wenn sie sich nun einige Zeit nicht sehen würden – womöglich konnte das ihr Liebesleben sogar nur noch mehr in Schwung bringen. Nein, von dem Film, den er heute nach Büroschluss noch extra für sie aus der Videothek geliehen hatte, hatte er nicht wirklich etwas gesehen. Doch so sehr sein romantisches Herz auch das feierliche Abendessen mit Stefanie genossen hatte – an den meisten Liebesfilmen fand Peter ohnehin kein Interesse. Und schon gar nicht, wenn es um eine Dreiecksbeziehung ging, in der die Frau zum Schluss doch bei ihrem Mann blieb und damit alles im Lot war. Langweilig. „Der Film war wunderschön, Schatz!“ Er gab ihr einen Kuss, bevor sie noch etwas sagen konnte. Er wollte sie, aber sicherlich nicht, um eine Diskussion über diesen Film mit ihr zu führen. Nachdem er am nächsten Morgen noch kurz im Büro vorbei geschaut hatte, lenkte Peter den Wagen gegen Mittag auf die A 73. Er hatte eine Fahrt von fünf Stunden vor sich und würde sich bereits an diesem Abend mit Herrn Görlitzer treffen, der rechten Hand des neuen Vertragspartners. Herr Werther selbst war heute noch verhindert, irgendwo außerorts, wie es geheißen hatte. Jemand in der Zentrale bei Martin hatte ihm, Peter, ein Zimmer im Hotel am Stephansplatz reserviert, und morgen würde er schon am Vormittag mit Werther den Vertrag in allen Einzelheiten besprechen. Peter hatte sich gut vorbereitet; immerhin ging es bei der Sache um wenigstens eine halbe Million Euro, und er wollte nicht versagen. Er wollte es nicht aus dem Verantwortungsbewusstsein für seinen Job, nicht wegen der Freundschaft zu Martin und erstrecht nicht, weil Stefanie stolz auf ihn sein sollte. Er liebte sie doch. Seit er sie damals in diesem Chatroom im Internet kennen gelernt und sie an Weihnachten zum ersten Mal getroffen hatte, konnte er nicht mehr verstehen, wie er zuvor so viele wechselnde Frauenbekanntschaften hatte haben können. Die letzten vier Monate waren die schönsten seines ganzen Lebens gewesen, wie Peter überzeugt war, und er freute sich jetzt schon auf den Abend, an dem er Stefanie endlich wieder in die Arme schließen würde. „Darf ich es Ihnen einpacken, die Dame?“, fragte der Mann hinter dem Tresen und blickte Magda mit einem gewinnbringenden Lächeln an, bei dem er eine Reihe weißer Zähne zeigte. Sie gefiel ihm, und er hatte sie schon die ganze Zeit, während sie sich bei ihm im Laden umgesehen hatte, mit seinen Blicken verfolgt. Wie sie durch die Reihen mit den Geschenkartikeln ging, vorbei an den Blumenvasen und Bierseideln, den Porzellanservices und Haushaltsartikeln, hier und da stehen blieb, wenn sie glaubte, etwas besonders Schönes entdeckt zu haben, es in ihre zierlichen, schlanken Finger nahm, hob und drehte, es sich von allen Seiten besah und dann wieder an seinen Platz zurück stellte. Schließlich war sie vor dieser unsäglich kitschigen Porzellanfigur stehen geblieben, hatte sie wieder von allen Seiten betrachtet, und nun stand sie hier mit diesem Ladenhüter, um ihn tatsächlich mitzunehmen. Magda nickte. „Es ist ein Geschenk.“ Magda stierte auf die Porzellanfigur, während der Mann flink einen Bogen Geschenkpapier von einer Rolle unter dem Tresen hervorzog und begann, sie einzupacken. Der schneeweiße, seine Kappe schwenkende Reiter auf dem ebenso weißen Pferd über dem klobigen Fuß der Statue war wirklich hässlich. Und sie hatte soeben gesagt, dass es ein Geschenk für die Schwiegermutter war. Oh Gott, was mochte dann dieser Verkäufer jetzt denken! Sie mochte ihre Schwiegermutter doch, und eigentlich war es ja auch nicht für sie bestimmt, sondern als Mitbringsel für sie an eine Freundin. Als die Tür des Ladens hinter ihr zu fiel, atmete Magda auf. Es war ein herrlicher Frühlingstag, die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel herab und überhaupt – die Welt war schön! Peter fuhr über die B 227 in Wien ein. Wenn er den Stadtplan auf dem letzten Rastplatz richtig gelesen hatte, dann war dies der beste Weg zu seinem Ziel. Er bemerkte zu spät, dass er auf die falsche Seite des Donaukanals geraten war und bei dem Versuch, rasch auf die richtige Spur zu kommen, verfuhr er sich nun doch. Er drosselte das Tempo, nahm die Karte vom Beifahrersitz und versuchte, sich darauf zurechtzufinden. Als der Unfall geschah, bildete sich rasch eine Menschentraube um das Geschehen ... |
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