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Der Rote Adler© 2004 Paul Dragston
Leseprobe:
Den ganzen Tag war ich geritten. Jetzt, als es bereits dämmerte, erreichte ich ein kleines Gasthaus und war froh, eine Rast machen zu können, zumal es seit einiger Zeit zu regnen begonnen hatte und mir das Hemd durchnässt am Rücken klebte.
Freundlich fiel das Licht durch die kleinen Fenster der Taberne heraus auf den Vorplatz. Kurzerhand stieg ich ab, band den Rappen an und betrat das Haus. Außer einem alten Geistlichen und seinem jungen Novizen war niemand hier, bis auf die Bedienung, ein junges Ding, das hinter dem Tresen stand und mich freundlich anlächelte. „Bonjour, Monsieur“, grüßte sie geschäftstüchtig.
Ich nickte ihr zu und zog den Hut vom Kopf. Wasser, das sich in der Krempe gesammelt hatte, tropfte auf den Boden.
„Kann ich irgendwo mein Pferd unterstellen?“, fragte ich.
Eifrig nickte sie, wandte sich zur Tür hinter dem Tresen und klatschte in die Hände. „Bertrand!“, rief sie, und ein pickelgesichtiger Jüngling kam herein gelaufen.
Während ich mich um meine Kleider kümmerte, redete sie auf ihn ein. Im nächsten Moment stand der Junge vor mir. „Monsieur“, sagte er, „ich werde mich um Euer Ross kümmern, wenn Ihr erlaubt.“
Ich zog ein paar Sou aus der Tasche und warf sie ihm zu. „Versorge er es gut und bring’ er’s ins Trockene!“
Bertrand nickte, stopfte das Geld in die Tasche seiner schmutzigen Hosen und eilte hinaus in den Regen. Ich war mir sicher, dass er sich gut um Dyke, wie ich mein Pferd genannt hatte, kümmerte.
Nachdem ich gegessen und getrunken hatte, wie es meinem Rang entsprach, ließ ich mich von Julie, dem Mädchen hinter dem Tresen, auf mein Zimmer führen. Es war erbärmlich eingerichtet, doch es würde meinen Bedürfnissen völlig genügen. Ich war zufrieden.
Während ich am Fenster stand und dem Regen zusah, wie er auf den sandigen Boden fiel und ihn in ein Schlammfeld verwandelte, dachte ich zurück an meinen Aufbruch und an den Sinn meiner Reise.
Wie viel Zeit so verging, vermag ich nicht mehr zu sagen, doch sah ich plötzlich drei Reiter, die, dicht über die Rücken ihrer Pferde gebeugt, aus dem nahen Wald galoppiert kamen. Es schienen junge, übermütige Burschen zu sein, hörte ich sie doch schon von weitem lachen und scherzen. Wahrscheinlich kamen sie her, um irgend ein besonderes Ereignis ausgiebig bei einigen Krügen Wein zu feiern. Vor allem die zwei Größeren wirkten munter. Sie redeten und lachten laut, selbst als sie von ihren Pferden stiegen und durch den Matsch zum Eingang des Wirthauses gingen. Zwar verlor ich sie jetzt aus den Augen, doch ich hörte sie durch die Dielen des Zimmerbodens.
Ich war müde, klopfte meine Pfeife am Fensterbrett aus und legte mich auf das harte Bett, in dem ich die kommende Nacht zu verbringen gedachte. Doch so sehr ich mich auch bemühte Schlaf zu finden, das Lärmen der jungen Leute drang noch immer zu mir herauf und hinderte meine Ruhe. Schließlich gab ich es auf, zog die Stiefel wieder an, griff meinen Degen, wie ich es gewohnt war und eilte die Treppe hinunter. Hier sah ich sie, die drei Kerle, die mich um den Verstand zu bringen gedachten. Wie ungehobelte Flegel trugen sie noch immer ihre Hüte auf den Köpfen, räkelten sich auf einer Bank am Tisch, stießen ihre Weinkrüge aneinander und lachten, wie es nur junge Männer vermögen.
Eine Zeitlang sah ich mir ihr Gehabe an. Dann platzte mir der Kragen und ich ging die letzten noch verbliebenen Stufen ins Parterre hinab. „Haltet ein, meine Herren!“, rief ich sie an. Doch sie reagierten nicht auf meinen Zuruf und freuten sich weiter lauthals des Lebens. Erst, als ich vor ihnen stand, beachteten sie mich. „Oh“, rief der Breiteste, der am Tisch mir gegenüber saß und schmunzelte. „Habt Ihr etwas verloren, Monsieur?“
„Ja“, entgegnete ich, „meine Nachtruhe ist dank Euch zum Teufel! Könnt Ihr nicht ein wenig Rücksicht auf Eure Mitmenschen nehmen?“
Jetzt wandte sich der Längste, der links am Tische saß, mir zu. „Verzeiht, Monsieur! Kommt her und setzt Euch zu uns!“ Er wandte sich an Julie und rief, sie solle noch einen Becher und einen neuen Krug Wein heran bringen.
Hastig winkte ich ab. „Merci, doch lasst mich besser schlafen. Ich habe einen weiten Weg zurückgelegt und einen ebensolchen noch vor mir. Haltet Euch einfach ein wenig zurück mit Eurer Freude und alles ist in bester Ordnung.“
„Och, Monsieur, seid doch nicht so zu uns“, erwiderte wieder der Breite. „Ihr könnt uns doch nicht abschlagen zu feiern, nicht, nachdem unser Freund hier endlich den Offiziersrang erhalten hat. Er hat lange genug darauf gewartet. Er wäre froh, wenn Ihr an unserer Freude teilhaben würdet.“
„Seid mir nicht böse, doch ich will schlafen!“, wiederholte ich statt dessen und verlieh meiner Stimme mehr Nachdruck als zuvor. Ich ergriff die Schulter des Schmalsten und Kleinsten von ihnen, der mir bislang nur den Rücken dargeboten hatte. „Ich gratuliere Euch, mein Freund, und verstehe Eure Freude. Doch müsst Ihr auch mich verstehen: Die Nacht ist kurz.“
Ohne sich zu mir umzuwenden, erhob der frischgebackene Offizier seine Hand und nickte den Gefährten zu. Er sagte nichts, doch verstummten seine Kameraden augenblicklich und erwiderten seinen Blick, den er ihnen offenbar zuwarf.
Nunmehr nickte auch ich, wohl wissend, dass ich von jetzt an in Ruhe die restliche Nacht verbringen würde.
Mit dem ersten Hahnenschrei am nächsten Morgen war ich jedoch wieder wach. Wie ich es erwartet hatte, hatten die drei jungen Soldaten die Lautstärke ihrer Feier tatsächlich weitestgehend auf ein Minimum reduziert, so dass ich mich nun ausgeruht erheben konnte.
In der Taberne unten fand ich die jungen Gesellen vor. Sie hatten gezecht, bis sie nicht mehr gehen konnten, so dass sie nun auf ihren Bänken lagen und ihren Rausch unter lautem Atmen ausschliefen.
Ich sah sie nur flüchtig an und drehte mich angewidert dem Tresen und der Tür in das Zimmer dahinter zu, um mein Logis zu zahlen und mich zu verabschieden. In der Küche begegnete ich dem Alten, dem dickbäuchigen Wirt der Schenke und verrichtete meine Angelegenheiten.
„Ihr wollt nach Paris?“, erkundigte er sich, als ich ihm Lebewohl wünschte.
Statt ihm zu antworten, streifte ich meine Handschuhe über, warf ihm einen Blick zu, lächelte und wandte mich zu gehen. An der Tür sah ich ihn jedoch noch einmal an und fragte nach dem Verbleib des Paters und seines Schülers. Ich wusste, dass ich niemandem vertrauen durfte, und schon so manches Mal in meinem Leben war mir ein Fuchs in der Maske eines Hühnchens begegnet.
Der Dicke grinste, während er sich die fettigen Hände an seiner Schürze abstreifte. „Die schlafen wie es sich für brave Gottesleut gehört bei den Pferden im Stall, werter Herr. Ich wollt’ ihnen zwar ein Zimmer geben, hätt’ sie auch nichts gekost’, aber sie wollten nicht. Sind ja Franziskaner, diese Bettelmönch’.“
Ich nickte erleichtert. Offenbar waren die Zwei also wirklich Hühnchen, von denen ich keine Gefahr zu erwarten hatte. Zwar würde ich ihnen noch begegnen, wenn ich mein Pferd holte, doch würden sie wohl eher den Rosenkranz, denn Pistolen auf mich richten.
„Ah, soll der Bub Euer Ross hol’n?“, fragte der Wirt noch, bevor ich ihn verlassen konnte.
Während ich in die Gaststube ging, winkte ich nur ab, ohne mich noch einmal umzuwenden. Es war noch früh, der Knabe sollte ausschlafen; mein Pferd würde ich selbst satteln können.
Im fahlen Licht des anbrechenden Tages betrat ich den Stall, in dem sich meine Augen erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen mussten, bevor ich mein Pferd ausmachen konnte.
Drüben, im Heu, sah ich die dunklen Schatten der geistlichen Herren, war mir jedoch eher ihrem lauten Atem denn ihrer Gestalten bewusst. Daher suchten meine Augen nach der Laterne, die hier in der Nähe des Eingangs hängen musste. In diesem Dunkel wäre ich sicher nicht in der Lage gewesen, Dyke zu satteln.
Als ich das Zündholz entfachte und an den Docht der Kerze hielt, bemerkte ich, dass sich die Herren im Heu bewegten. Ich wandte mich ihnen zu und erkannte undeutlich die Silhouetten, die sich blitzartig, wesentlich schneller als ich erwartet hätte, erhoben. Instinktiv griff meine Hand an die Pistole, die ich im Gürtel trug.
„Haltet ein, Monsieur, sonst seid Ihr des Todes“, rief einer der Beiden, und ich erkannte, dass die Beiden bereits ihre Pistolen gezogen hatten und auf mich richteten. Während mein Herz einen Sprung tat, versuchte ich ein Lächeln in mein Gesicht zu bringen. „Bettelmönche!“, stieß ich aus. „Wenn Ihr Bettelmönche seid, dann will ich der Herzog von Cornwall sein.“
„Er ist’s“, flüsterte der Jüngere dem Alten zu, der keinerlei Regung zeigte. Er kam auf mich zu, ohne die Pistole sinken zu lassen und hielt die Hand auf. „Gebt mir Euer Schreiben, Monsieur!“
„Bettelmönche, die den Frieden nicht wollen“, äußerte ich meine Gedanken und bemühte mich, statt Angst Verachtung in meine Stimme zu legen.
„Wir sind keine Mönche, genauso wenig wie Ihr der Herzog von Cornwall seid“, entgegnete der Alte. „Doch nun genug der Worte. Gebt mir das Schreiben, das Ihr bei Euch tragt!“
Ich sah die Beiden an, den Alten, der da nur zwei Schritte vor mir stand und den Jüngeren, der sich als sein Novize verkleidet hatte und den ich jetzt kaum sehen konnte, verdeckte mir doch der Andere die Sicht. Meine Chancen standen im Moment gar nicht einmal so schlecht. Ich nickte großzügig. „Nun gut, Monsieur. Es ist ja nicht mein Frieden. Ganz so, wie es auch nicht mein Krieg ist.“ Ich bückte mich und tat, als würde ich das begehrte Schreiben – einen Brief des Herzogs von Buckingham an Ludwig XIII., in dem er ihm ein Friedenangebot machte – aus meinem Stiefel holen. Statt dessen zog ich aber den Dolch hervor, den ich dort seit Jahren aufbewahrte, warf mich vorwärts gegen die Beine des nahen Gegners, brachte ihn so zu Fall und rollte schnell zur Seite. Die Kugel aus der Pistole des Jungen drang unmittelbar hinter mir in den Boden. Der Mistgestank des Stalles mischte sich mit dem Geruch verbrannten Schießpulvers, Rauch drang aus der Richtung des Schützen herüber. Im nächsten Moment hatte ich meine Pistole gezogen, zielte und traf den Kerl in den Bauch. Wie ein Stein fiel er zu Boden, während der andere zu seiner Pistole griff, die er soeben verloren hatte. Mein Fuß traf seinen ausgestreckten Arm. Er schrie auf und zog mit der anderen Hand ein Messer unter seinem Gewand hervor.
Fast gleichzeitig waren wir auf den Beinen. Die einschüssige Pistole hatte ich abgelegt und hielt nun meinen Degen in der Hand. Zwei, drei rasche Hiebe, und der Feind ließ auch das Messer fallen. Entgeistert starrte er mich an. Angst glaubte ich im schwachen Licht der Laterne in seinen Augen zu erkennen. Zumindest roch er danach.
„Lump!“, bellte ich ihn an und hielt ihm die Klinge an die Kehle. „Wer schickt ihn den Frieden zu verhindern?“
Der Mensch sah mich verzweifelt an. Fast schon tat er mir leid. Er fürchtete zu sterben, würde er mir die Namen verraten, hatte aber auch gleichsam Angst, von den Schergen dieser Herren getötet zu werden, würde ich es nicht tun. Und wenn er schwieg, wie groß waren wohl seine Aussichten, unsere Begegnung zu überleben? Panisch starrte er auf seinen toten Kumpan.
„Laufe er, Hasenfuß!“, stieß ich endlich hervor und nahm den Degen herunter. „Richte er aus, dass ich mich nicht aufhalten lasse. Von nichts und niemandem!“
Jetzt sah er mich ungläubig an. Konnte es möglich sein, dass ich wirklich so gnädig war?
Um meinen Worten Nachdruck zu verleihen benutzte ich die Waffe als Gerte und tätschelte seine Schulter. „Verschwinde er!“, knurrte ich. Würde er noch lange da untätig stehen bleiben, würde ich mich womöglich doch noch vergessen. Schließlich war ich wütend. Doch mehr auf den, dem dieser Hundsfott diente, denn auf ihn. Judas hatte den Herrn für dreißig Silberlinge verraten. Wer wusste schon, wie viel man ihm und seinem toten Freund für meinen Kopf gezahlt hatte. Ich wollte mir an ihm nicht die Finger schmutzig machen. Wahrscheinlich würden dies ohnehin seine Auftraggeber für mich erledigen, wenn sie von dem Fehlschlag erfuhren.
„Laufe er!“, schrie ich noch einmal. Und jetzt endlich setzte er sich in Bewegung ...
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