Spannung,
Romantik
und mehr

Nachtwache

© Jon Padriks 1994
»Bisher noch nicht«, sagte der Mann, das Gesicht von der dicken Bettdecke fast gänzlich verdeckt.
Obgleich der Alte undeutlich sprach, verstand Jim jedes Wort. Wahrscheinlich aber auch aus dem Grund, weil er mit der Antwort gerechnet hatte. Schließlich hatte er dem Alten zum x-ten Male dieselbe Frage gestellt, und seit einem halben Jahr nun bekam er immer die gleiche Antwort. Jim schüttelte langsam den Kopf und sah auf das Glas, in dem zwei Zahnprothesen, untere und obere, im Wasser lagen.
»War denn der Zahnarzt heute da?«
Wieder verneinte der Alte. »Aber vielleicht kommt er ja noch«, beeilte er sich dann zu sagen. Jim lächelte, guckte auf seine Armbanduhr und winkte ab. »Bestimmt nicht, Mister Freed; schließlich haben wir schon elf Uhr abends. – Aber jetzt nehmen Sie erst mal Ihre Nachtmedizin ...« Er nahm die kleine, runde Tablette aus dem auf dem Nachtschrank bereitgestellten Döschen und schob sie in den zahnlosen Mund des Bettlägrigen, reichte ihm ein Glas Wasser.
Dankend nickte Freed und spülte die Pille hinunter. »Eine ruhige Wache noch, Jim«, sagte er.
»Ja, danke.« Jim strich dem Alten zärtlich über die Wange. »Und Ihnen eine gute Nacht!« Er knipste die kleine Lampe oberhalb des Bettendes aus und verließ das Zimmer.

Als Jim kurz nach Mitternacht das Stationszimmer der Station, auf der er in dieser Woche Nachtwache hatte, wieder betrat, schenkte er sich eine Tasse Kaffee ein und setzte sich an den Tisch. Erst da sah er den Brief, der bei seinen eigenen Schreibsachen lag.
Mister Jonathan Freed, las er lautlos und warf einen Blick auf das Regal hinter sich, in dem die Post für die Bewohner des Altenheims gesammelt wurde, bis sie – meist an die Angehörigen – weitergegeben wurde.
Jim grinste. Jonathan, der Name passt zu dem Alten! Plötzlich aber stockte er in seinen Gedanken. Der Brief hatte ja weder eine richtige Anschrift, noch einen Absender. Alles, was Jim erkennen konnte, war, dass der Brief aus Stormy Hill in Schottland kam. Wie aber war dieser hergekommen? Und dann auch noch an die richtige Adresse! – Na ja, vielleicht hatte ja ein Bekannter Freeds, der in Stormy Hill gewesen war, ihn mitgebracht oder so.

»Halt, Moment mal!«, brauste Jim jetzt auf, sodass er vor seiner eigenen Stimme fast erschrak. War das nicht der Brief, auf den Freed schon so lange wartete? Hatte Freed nicht damals nach Stormy Hill geschrieben in der Hoffnung auf jenen Wunderheiler, der dort leben sollte und angeblich in der Lage war, Fernheilungen durchzuführen?
Am liebsten wäre Jim auf der Stelle aufgesprungen, um Freed den Brief zu bringen. Aber der Alte schlief sicher schon längst.
Im nächsten Augenblick wurde Jim jäh aus seinen Gedanken gerissen, als ein unterdrückter, leidvoller Ruf ertönte. Das war Freed!

Einen Moment später stand Jim in der Tür zum Zimmer des Alten und sah ihn an, der mit schmerzerfülltem Gesicht in seinem zerwühlten Bett lag und ihn anstarrte.
»Was ist?«, stieß Jim hervor und hielt bereits Freeds Hand, mit der dieser sich an ihm festklammerte.
»Ich ...«, stotterte Freed, »ich werde sterben ...«
Jim schüttelte entschlossen den Kopf. »Nein, ganz bestimmt nicht!«, versuchte er den Alten und gleich sich selbst zu beruhigen. Er zeigte dem Mann den Brief, den er noch immer in der Hand hielt. »Hier! Der ist aus Schottland! Sie werden leben.«
Augenblicklich war Freed ruhiger, schien sich zu fangen und sagte, beinahe befehlend: »Lies ihn mir vor! Schnell!« Er ließ die Hand Jims los.

Der riss das Kuvert auf und entfaltete das Schreiben. Mit vor Aufregung bebender Stimme las er die mit zittriger Hand geschriebenen Zeilen: »Mein lieber Mr. Freed! Aus Ihrem Schreiben vom ersten Januar 1987 entnehme ich Ihren Wunsch nach einem erfüllten Leben.
Nachdem ich Ihnen nun lange Bedenkzeit darüber eingeräumt habe, ohne dass Sie diesen Wunsch widerrufen hätten, teile ich Ihnen nun hiermit diesen Wunsch als akzeptiert mit. Noch in der Nacht vom 4. zum 5. Juli 1987 wird diesem Wunsch daher nachgekommen werden: Sie sollen leben!« Jim sah auf. »Aber das ist ja diese Nacht ...« Sein Blick fiel auf Freed, der jetzt wie schlafend dalag.
»Mister Freed?«
Jim erhielt keine Antwort.
Und er war schon lange genug in dem Beruf, um Schlaf und Tod unterscheiden zu können.
Instinktiv fasste er darum nach dem Handgelenk des Alten. Tatsächlich war kein Puls mehr tastbar.

Betroffen schüttelte Jim den Kopf, musste an die gelesenen Zeilen denken, las sie noch einmal. »Sie sollen leben!«

Unheimlich schallte das Echo von den hellhörigen Wänden des Zimmers wider. Doch Jim nahm das nicht mehr wahr. Mit gesenktem Kopf wandte er sich zur Tür, um über das Telefon im Stationszimmer die Nachtbereitschaft zu informieren.

Kaum aber hatte er einen Schritt gemacht, da spürte er plötzlich den kalten, festen Griff einer Hand im Nacken.

»Ich werde leben!«, ertönte Freeds Stimme. Ein unheimliches, kaltes Lachen folgte.

Jim wurde übel, er schrie auf, rannte zur Tür, noch immer die kalte Hand im Nacken spürend. Erst, als er auf dem Flur, zehn Meter von Freeds Zimmer entfernt, scharf um eine Ecke bog, ließ ihn diese Hand endlich los.

Jim floh in ein Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu, machte Licht.

»Was, um alles in der Welt, soll das denn?!«, schnauzte ihn Mrs. Smith an, in deren Zimmer er so barsch eingedrungen war. Sie saß aufrecht im Bett und blickte dem Jungen fassungslos entgegen.

Noch bevor der aber eine Antwort geben konnte, vernahm er ein leises Kratzen auf der anderen Seite der Tür, und einen Augenblick später spürte er, wie jemand – oder etwas – die Türklinke, die er noch immer festhielt, auf der anderen Seite herunterdrücken wollte.
Die alte Dame erkannte die Sachlage zum Glück und war sofort hellwach. »Einbrecher?«, schlussfolgerte sie ängstlich.
»Wenn’s nur das wäre!«, antwortete Jim und stemmte sich mit aller Kraft gegen die Tür.
»Soll ich die Polizei rufen?« Mrs. Smith griff nach dem Telefonapparat auf ihrer Kommode.
»Machen Sie lieber, dass Sie hier wegkommen!« Jim deutete auf die Balkontür.
Da zerriss ein Knall die Luft. Und die Tür wies einen Riss auf.

»Hauen Sie ab!«, schrie Jim die Alte an. »Er versucht die Tür aufzubrechen.«
Mrs. Smith versuchte Jims Anordnung Folge zu leisten, bemühte sich aus dem Bett zu kommen, was jedoch mit nur noch einem Bein gar nicht so einfach war. »Helfen Sie mir!«, jammerte sie darum.
»Ich kann nicht!«, wehrte Jim ab, sprang aber von der Tür weg und stieß hastig den Tisch davor, kippte ihn als Schutzwall dagegen.
»Bitte!«, flehte unterdessen die Alte.
Jim schnappte sich also den schweren Körper der Frau und hievte ihn in den Rollstuhl neben dem Bett.
In dem Moment zerbarst die Tür gänzlich.

Mister Freed stand vor ihnen. Doch es war nicht der friedliche, immer gut gelaunte Freed, den Jim kannte, nein! Es war das Böse in der Gestalt Freeds!
Als wäre es nichts, warf er den Tisch beiseite und kam auf die Beiden unter lautem, widerlichen Gestöhne zu, riss den zahnlosen Mund und die Arme weit auf und wollte schon Jim packen. Da sprang dieser durch die offen stehende Balkontür ins Freie.

Von hier aus musste er ansehen, wie Freed sich nun auf Mrs. Smith stürzte. Während die Frau laut aufschrie, packte er ihren Kopf und riss ihn ihr von den Schultern, als wäre sie eine Puppe. Fontänenartig spritzte das Blut. Und ihr Schrei hallte noch nach, als Freed den Kopf gegen die Wand schmetterte, an der er zerbarst.

Jim hatte genug gesehen. Er sprang vom Balkon, landete auf dem Garagendach des Nachbarhauses und gelangte so zu einem Schlafzimmerfenster. Wild klopfte er dort dagegen, bis es endlich von einem vor Wut rasenden Mann im Pyjama geöffnet wurde. »Was sind das denn für Manieren?!«, bellte er Jim an, packte ihn am Kragen und beschleunigte so sein Eindringen in das Haus.

Jim ließ erst einmal alle Beschimpfungen über sich ergehen und hätte auch die Ohrfeige widerstandslos hingenommen, wäre nun nicht die Frau des Wüterichs dazwischengegangen. »Halt, Charles!«, rief sie und hielt die schon zum Schlag erhobene Hand ihres Mannes fest. »Siehst du denn nicht, dass der Mann Hilfe benötigt?« Mit der Feinfühligkeit einer Frau hatte sie Jim durchschaut. »Setzen Sie sich erst mal hin«, sagte sie zu Jim und drückte ihn mit sanfter Gewalt in einen Sessel neben dem Fenster. Dort ließ sie ihn verschnaufen, drängte aber nach einer Weile: »Ich glaube Sie sind uns eine Erklärung schuldig!«

Jim nickte langsam, das Gesicht in die Hände vergraben. »Natürlich ...« Er sah auf. »Bestimmt aber werden Sie meine Geschichte nicht glauben. Das kann ich ja selbst kaum.« Er blickte der Frau fest in die Augen und berichtete nun alles, was passiert war.

Die Augen seiner Zuhörer waren während seiner Aussage immer größer geworden. Jetzt, als Jim fertig war, sah sich das Paar ungläubig an. Langsam nickte der Mann, als er wieder zu Jim herüber blickte. »Sie sagen, der Brief, mit dem alles angefangen hat, sei aus Stormy Hill in Schottland?« Er ging an eine Regalwand, die mit Büchern überfüllt war. Einen Augenblick suchte er, dann kam er mit einem dicken Wälzer zurück, setzte sich neben Jim auf eine Kommode und schlug auf. »Stormy Hill, ein kleines Dorf im Norden Schottlands. Einziger Zugang über einen schmalen Bergpfad«, las er, überflog ein paar Zeilen und las weiter: »Schottische Legenden berichten, dass S.H. die Wohnung des Bösen sei, jedoch könne dieses auf Wunsch eines Menschen verreisen, unter der Bedingung, dass der Mensch sein Leben gegen seine Seele bereit sein müsse zu tauschen.« Er schlug das Buch zu und sah Jim ernst an.
»Das also ist das Geheimnis«, flüsterte dieser nachdenklich. »Aber wie kann man das Böse wieder nach Stormy Hill oder sonst wohin – halt weg – treiben?«
»Um das Böse, ist es erst einmal aus Stormy Hill entkommen, wieder dorthin zurückzubringen, benötigt es einen Menschen, dessen Leben ausgelöscht wird für die Seele desjenigen, der vom Bösen besessen ist«, antwortete der Gefragte.
Ironisch lächelte Jim. »Und – schwups! – ist das Böse wieder weg?«
»Aber was geschieht mit demjenigen, dessen Leben ausgelöscht wird?«, mischte sich die Frau ein.
Ihr Mann zog sie zärtlich in seine Arme. »Was glaubst du wohl, woher die Menschen in Stormy Hill kommen? Kein Mensch, der eine Seele hat, könnte dort leben, wo das Böse heimisch ist.«

Ein entsetztes und gleichsam nachdenkliches Nicken gab dem Mann zu verstehen, dass sowohl seine Frau als auch Jim verstanden. »So werde ich zurückgehen müssen«, entschied Jim und stand auf. »Und bald schreibe ich Ihnen eine Ansichtskarte aus Schottland.«
Die Frau erschrak. »Was?!«
»Einer muss gehen, und ich bin verantwortlich für die Alten da drüben.« Jim deutete auf das angrenzende Altenheim.
Der Mann stimmte zu. »Ja, Mary, er hat recht. Und er muss so bald wie möglich gehen, bevor das Böse sich noch weiter ausbreitet und auch noch wir sterben müssten. Und das willst du doch nicht, oder?«
Sie schwieg.
»Dann gehe ich also am Besten jetzt«, erklärte Jim. »Sind irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen zu beachten?«
»Sie dürfen auf keinen Fall Angst vor dem Bösen haben. Und machen Sie ihm klar, dass Sie sich für uns opfern.«
Jim nickte entschlossen. Unter den mitleidigen und ängstlichen Blicken des Paares ging er zurück auf den Balkon.

Etwa einen Monat später erhielten Mister und Mistress Burkley, die Nachbarn des Altenheims, Post aus Schottland. Mit zittriger Schrift stand auf einer Ansichtskarte:

Liebe Freunde!
Aus unserem Gespräch am 5. Juli 1987 entnehme ich Ihren Wunsch nach einem dauerhaft erfüllten Leben. Nachdem ich Ihnen nun lange Bedenkzeit darüber eingeräumt habe, ohne dass Sie diesen Wunsch widerrufen hätten, teile ich Ihnen nun hiermit diesen Wunsch als akzeptiert mit. Noch in der Nacht vom 11. zum 12. August 1987 wird diesem Wunsch daher nachgekommen werden: Sie sollen leben!

Hochachtungsvoll, Ihr Freund Jim

ENDE

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