Spannung,
Romantik
und mehr

Und es gibt sie doch!

© Jon Padriks 2010
Da! Als das Klopfen begann, zuckte Benny zusammen. Seit er zu Bett gegangen war, hatte er darauf gewartet. Er hatte gewusst, er würde es auch in dieser Nacht zu hören bekommen, doch nun setzte es so plötzlich ein, dass die Furcht ihm die Kehle zuschnürte. Bald war der Riss in der Wand sicher breit genug, damit das Monster herauskommen konnte.

Warum nur hatte ihm niemand geglaubt, als er heute von dem Pochen erzählt hatte, das schon letzte Nacht erklungen war? Die Eltern hatten ihm einzureden versucht, er habe schlecht geschlafen, und Isabelle hatte über ihren drei Jahre jüngeren Bruder nur gelacht. Niemand hatte etwas gehört.
Aber diesen Lärm musste man doch hören!

Bennys Hände wurden feucht, die Angst kroch über seinen Körper, gleich einer Schlange. Gebannt lag der Neunjährige da, starrte auf die Wand gegenüber seines Bettes. Vielleicht hörte es niemand, außer ihm, weil es die Außenwand war? Dahinter erstreckte sich weites Land, bis zum Horizont. Säße das Monster nicht in der Wand – das Fenster war nur zwei Fuß von der Stelle entfernt, wo es sich seinen Weg zu ihm grub.
»Das Einzige, was klopft, ist die Meise unter deinem Pony, Doofie«, erinnerte er sich Isabelles Hohn. Vergnügt hatte sie sich auf die Schenkel geklopft, war danebengestanden, als Vater die Mauer auf sein Drängen hin untersucht hatte. »Da ist kein Riss, mein Sohn, nicht mal ein Mauseloch«, war er zur Erkenntnis gekommen, hatte ihm durch die blonden Locken gewuselt. Vater und Isabelle hielten ihn noch immer für ein kleines Kind!

Benny biss sich auf die Unterlippe. Rang mit sich, zu schreien oder aufzuspringen und davon zu laufen. Aber er wollte nicht wieder Isabelles Spott ertragen.

Krrrrk!
Das Geräusch eines Steins, der in der Mauer verschoben wurde, erklang. Benny hielt den Atem an. Gleich drauf ertönten weitere eindeutige Töne. Es war soweit.

Benny versuchte den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken. Er musste etwas tun, durfte nicht einfach liegen bleiben. Er wollte das Monster nicht sehen, das aus der Wand hervorbrach, wollte nicht sterben ...

Plötzlich fiel ein Lichtschein durch den schmalen Spalt, den seine Tür geöffnet war. Die Lampe im Treppenhaus brannte, Mutter kam die Treppe herauf. In Bennys Kopf überschlugen sich die Gedanken. Sie wäre dem Monster bestimmt gewachsen. Aber sie rechnete nicht mit einer Konfrontation. Also würde es sie vielleicht doch überwältigen. Töten. Fressen. Vor seinen Augen. Um dann, nachdem es ihm den liebsten Menschen genommen hatte, ihn zu ermorden.
»Nein!«, schrie Benny.
Da stieß Eve Michaels die Tür zu ihm auf, schaltete die Deckenlampe ein. Besorgt sah sie ihren Jungen an.

Nicht ein Stein war in der Wand verrückt. Erleichtert und verwirrt blinzelte Benny.
»Wieder schlecht geträumt, mein Schatz?« Eve Michaels ging zu ihrem Sohn, strich ihm über den Kopf. »Es war nur ein Traum, nichts weiter. Es ist alles in Ordnung, wie du siehst!«
Benny lugte zu der Wand neben dem Fenster. Mit Tränen in den Augen sah er zu seiner Mutter auf. Solange sie über ihn wachte, konnte ihm nichts geschehen. »Mummy!« Er schmiegte sich an sie, blinzelte nochmals zu der Wand. Völlig unberührt stellte sie sich dar. Wie gut, dass er nicht aufgesprungen war.

»Mom?« Isabelles Stimme erklang wie auf Knopfdruck. »Hat unser Baby mal wieder Schiss?«
»Isabelle!«
Eve war empört. Doch wie sie ihren Jungen ansah, hatte Benny keinen Zweifel, auch sie hielt ihn für einen Angsthasen. Sie wuselte ihm durchs Haar, drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Schlaf schnell weiter und versuch an etwas Schönes zu denken.«
Er wollte sie halten, ihr sagen, was er gehört hatte. Statt dessen erwiderte er, »du auch«, verwünschte seine Schwester und stierte auf die Wand. Warum versuchte das Monster nicht in Isabelles Zimmer einzudringen?

Als Eve ging, machte sie die Lampe aus und zog die Tür noch einen Spalt weiter zu.
Angestrengt lauschte Benny auf ihre Schritte und hoffte, nichts anderes mehr in dieser Nacht zu hören als die Stimmen von Schwester und Mutter, wie sie miteinander sprachen.
Krk! Das Geräusch war leise. Aber Benny wusste, seine Hoffnung wurde enttäuscht. Wieder wurde ein Stein in der Mauer verrückt. Fast gleichzeitig rief Mutter im Korridor »gute Nacht«, und ging die Treppe hinunter.
Komm nur!, dachte Benny, ballte die Fäuste. Mutter würde hören, wenn die Wand einstürzte. In Windeseile wäre sie wieder bei ihm, das Monster zu bekämpfen.

Doch die Wand blieb intakt.
Das Licht im Treppenhaus wurde gelöscht.
Nur mehr das trübe Licht des wolkenverhangenen Mondes fiel zu Benny herein. Und da fing es wieder an. Das Monster in der Wand hämmerte gegen die Steine. Verschob sie offenbar willkürlich. In der einen Sekunde war das verräterische Geräusch in der oberen Ecke, dann unten, dicht am Fenster. Schneller und hektischer denn je zuvor bewegte sich die Kreatur in der Wand.

Benny war unfähig sich zu rühren. Lahm vor Schreck krallte er sich in die Bettdecke. Warum nur hörte es niemand außer ihm?
Plötzlich, ohne weitere Vorankündigung, schlüpfte das Monster. Kein Stein war aus der Wand gebrochen worden. Zumindest hatte Benny nichts dergleichen gehört. Aber ein bedrohlicher schwarzer Schatten ragte vor ihm auf, hob sich von der Mauer ab. Grässlicher Gestank fraß sich in Bennys Lunge.
Der Junge zog den Kopf ein, presste die Augen zu. Er wollte das Monster nicht sehen. Sein Innerstes verkrampfte; er würde sterben.

Langsam kam das Monster näher. Der Gestank wurde intensiver. Die Wärme, die das Monster ausströmte, war spürbar. Dann berührte es ihn.
Heißer, ekelerregender Atem strömte in Bennys Gesicht. Es schnüffelte an ihm. Etwas Hartes und zugleich Spitzes fuhr über seine Wange – eine Kralle!
Benny glaubte schon zu sterben, als ein Geräusch aus dem Flur ertönte. Das Wesen ließ von ihm ab. Schnupperte in der Luft wie ein Tier, das den Feind roch, und verschwand. Als Benny endlich die Augen öffnete, sah er nur ein Schemen, das in die Wand glitt, als wäre diese nicht da. Durch den Spalt in der Tür schimmerte Licht.

»Mummy!«, krächzte Benny mit rauer Stimme. Tränen der Erleichterung traten ihm in die Augen. Nun würde alles gut!

Die Klospülung wurde betätigt, Wasser rauschte ins Waschbecken. Kurz darauf flog die Tür zu seinem Zimmer auf. »Na, du Baby ...«
Isabelle stand vor ihm. Hämisch grinste sie ihren Bruder an. »Kannst du noch immer nicht schlafen, Bennyboy, weil du dich vor Monstern fürchtest?« Sie seufzte. »Es gibt keine, kapier das endlich! Aber ein Kleinkind wie du ... Hast wohl zu viel Fantasie.«
Fantasie? Benny wollte kontern. Was er gerade erlebt hatte, war keine Einbildung gewesen. Aber das Monster war fort, die Wand wirkte wie immer. Verständnislos sah er die Schwester an.
»Kannst ja wieder nach Mummy und Daddy rufen, bevor du dir vor Schiss in die Hose pisst.« Isabelle machte auf dem Absatz kehrt, dass ihre blonden Locken stoben. Sie ging hinüber zu ihrem Zimmer. Bevor sie die Tür hinter sich schloss, knipste sie das Licht aus.

Benny schnappte nach Luft. Wenn sie nur wüsste ... Oder war er etwa verrückt? »Was meinst du, Teddy?«, fragte er das Steiftier – und erschrak. Es fühlte sich eigenartig an. Watte quoll aus seinem Bauch.
Das Monster hatte den Bären aufgeschlitzt.

Ein Beben ging durch die Wand, ließ Benny erstarren. »Nein!«, flüsterte er resigniert, ahnte das Schlimmste.
Doch das Monster kam nicht zu ihm. Stattdessen schien es sich in der Wand zu entfernen. Dann erklang Isabelles Aufschrei. Kurz, unterdrückt. Es war zu ihr geeilt, zeigte sich nun ihr.
Geschieht dir recht, dachte Benny.

Sekunden verstrichen, in denen Stille herrschte.
Absolute Stille.

Benny bekam Angst. Was, wenn das Monster Isabelle gefressen hatte?
Vorsichtig schlug er die Bettdecke zurück und stand auf. Im Dunkeln durchquerte er den Gang. Langsam, auf jedes mögliche Geräusch achtend. Am Abstieg ins Erdgeschoss hörte er leise den Fernseher, vor dem die Eltern saßen. Sonst nichts. Dann erreichte er Isabelles Zimmer, ertastete die Klinke.

Es war durchaus möglich, dass sich Isabelle nur einen Scherz mit ihm erlaubte und lauthals lachte, wenn er die Tür öffnete. Aber auch das Monster konnte auf ihrem Bett sitzen und auf ihn warten, nachdem es sie getötet hatte.
Vielleicht aber konnte er ihr noch helfen.
Benny öffnete.

Er stieß die Tür auf, versuchte in dem dunklen Raum etwas zu erkennen. Hastig suchte er nach dem Lichtschalter, legte ihn um.
Nichts.
Isabelles Bett war leer. Niemand war in ihrem Zimmer. Auch nicht das Monster, das sie geholt hatte. Benny begann zu schreien ... und hörte erst auf, als Eve ihn schon eine ganze Weile in ihren Armen gehalten und zu trösten versucht hatte.

*     *     *

Anfangs war man davon ausgegangen, dass Isabelle von daheim abgehauen war. Dass sie zurückkommen würde. Natürlich hatten die Eltern sofort die Polizei informiert, und als Isabelle auch nach 24 Stunden nicht wieder aufgetaucht war, hatte man eine große Suchaktion nach ihr gestartet.
Niemand hatte etwas um das Gerede eines Neunjährigen gegeben, der zu viel Fantasie besaß.
Tatsächlich war auch im und am Haus nichts aufgefallen. Und als drei Jahre nach Isabelles Verschwinden noch immer nichts von dem Mädchen in Erfahrung zu bringen war, hatten die Eltern beschlossen, wegzuziehen. Um zu vergessen. Gelungen war es ihnen nicht. Eve starb zehn Jahre nach Isabelles Verschwinden an Herzversagen, im Schlaf; vermutlich hatte sie wieder einmal von jener Nacht geträumt ... und John Michaels hatte es nicht fertiggebracht, das Haus zu verkaufen.

»Mit Ihrer Unterschrift auf dem Vertrag sind Sie ein gemachter Mann, Mr Michaels.« Stanley King bot ihm einen Kugelschreiber und deutet auf das Papier in seinen Händen.

»Mein Vater hätte es nicht gewollt.« Ben zögerte.
Doch sein Gegenüber wischte mit der Hand durch die Luft, als verscheuche er eine Fliege. »Papperlapapp! Sie haben sich Ihr Leben in Las Vegas aufgebaut, was wollen Sie da noch in dieser verlassenen Gegend?« Mit einem Funkeln in den Augen sah sich der Hotelier um. »Diese Landschaft ist zu schön, um brachzuliegen. Lassen Sie mich meine Hotelanlage hier bauen, und seien Sie versichert, die Menschen werden zu Dutzenden kommen.«

Ben seufzte, und unterzeichnete. Seit Vaters Tod vor acht Jahren war das Haus ohnehin zu heruntergekommen, um es anderweitig zu verkaufen. Sollte King es ruhig abreißen.

Mit einem zufriedenen Lächeln nahm der seine Hälfte des Vertrags in Empfang. »Sie werden in meinem Overlook-Hotel stets ein willkommener Gast sein, Mister Michaels.«
»Natürlich.« Ben nickte und sah sich ein letztes Mal um. Es war eine idiotische Idee gewesen, zur Vertragsunterzeichnung noch einmal herauszukommen.
Langsam ging er zum Tor, vor dem er seinen Wagen geparkt hatte.

Plötzlich schrie King auf. Ben fuhr herum. Der Boden vor dem Haus, in dessen Tür der Hotelier stand, erzitterte. Erde spritzte. Irgendetwas Unsichtbares brach durch den von Unkraut überwucherten Garten, schoss auf Ben zu. Dann drang etwas Dunkles aus dem Boden. Eine Klaue umschloss Bens Fußgelenk. Diese hatte ihn schon einmal berührt – im Gesicht ...

ENDE

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