Abendspaziergang
© 2005
Es war ein herrlicher Sommertag gewesen. Jetzt, am Abend, wanderte Phillip über die Felder und Wiesen, hinein in den Wald, in dem er schon als Kind gespielt hatte. Er liebte diese Spaziergänge, bei denen er mit seinen Gedanken allein war und sowohl die Vertrautheit der Landschaft, als auch ihre Schönheit und ihr abwechslungsreiches Erscheinungsbild bewundern konnte. Phillip kannte jeden Stein, über den er schritt, jeden Busch am Wegesrand und jeden Baum, von dem ihm hier und da ein Vogel einen Gruß zu singen schien.

Bald schon erreichte er die Lichtung, von der man einen herrlichen Blick über das Tal hatte. Er sah die Stadt dort unten, den großen Fluss, der von hier aus wirkte wie ein schmales, silbernes Band, das sich durch die Landschaft schlängelte, jenseits das andere Ufer mit seinen Höhen.
Phillip liebte auch dieses Panorama. Hier war es, als wäre beinahe die Zeit stehen geblieben. Denn in den vergangenen Jahrzehnten seines Lebens war es doch augenscheinlich immer das Gleiche geblieben.

Er seufzte und ließ sich auf eine der Bänke sinken, die hier oben aufgestellt worden waren. Genau hier hatte er auch mit Elisabeth gesessen, von der er sich etwa vor einem halben Jahr getrennt hatte, wie auch mit Belinda, der größten Liebe seines Lebens. Bis ihm Rita begegnet war. Doch mit ihr war er noch nie hier gewesen. Er hatte sie auch immer einmal her bringen wollen, doch die Umstände hatten bislang stets dagegen gesprochen, und nun war sie von Berufswegen her nach Paris gegangen. Und wer konnte schon sagen, wann sie sich das nächste Mal endlich wiedersahen?

Phillip war arbeitslos und hatte kein Geld, um so oft, wie er wollte, zu Rita zu fahren, und Rita war zu sehr in ihrem Beruf involviert, um andauernd her zu kommen. Aber sie liebten sich. Das spürte Phillip ganz tief in seinem Herzen. Er liebte Rita, wie er noch nie eine Frau geliebt hatte, noch nicht einmal Belinda. Und er wusste, dass Rita ihn auch liebte. Dennoch konnten sie nicht zusammen sein, obgleich es Beiden manchmal so schien, als sei der Andere ganz nahe bei ihm.

Phillip atmete noch einmal tief durch und erhob sich, um weiterzugehen. Da fiel sein Blick auf die Schutzhütte jenseits des Weges. Auch sie war schon dort, so lange er denken konnte. Und doch sah er sie heute mit anderen Augen als früher, ja als noch vor wenigen Monaten. Einer aus der Firma, in der er einst selbst gearbeitet hatte, hatte sich dort drinnen das Leben genommen, nachdem auch er entlassen worden war.
Phillip schauderte bei dem Gedanken daran. Dann überquerte er den Weg und ging zur Tür der Hütte, um einen Blick hinein zu werfen. Er hatte das Gefühl, dass er es tun müsse, sollte diese Hütte nicht für immer ein Tabu für ihn sein.

Dunkel war ihr Inneres. Nur durch ein schmales Fenster fiel etwas Licht hinein. Doch Genaues zu erkennen vermochte er nicht.
Aber er hatte das Mysterium gebrochen. Jetzt war er frei von seinem Bann.

Phillip wandte sich wieder ab und ging weiter auf dem Weg. Doch schon nach wenigen Schritten spürte er, dass er nicht mehr alleine war. Etwas würde ihn jeden Moment an der Hand fassen und ihn so zwingen, sich umzuschauen.
Phillip glaubte nicht an Gespenster. Aber er hatte auch gleichsam genügend Fantasie, um sich vorzustellen, was ihn jeden Augenblick an der Hand berühren würde. Doch bevor dies geschehen konnte, drehte er sich um.

Niemand war zu sehen.

Phillip schmunzelte vor Erleichterung. Vielleicht – vielleicht war es ja gar nicht der Tote gewesen, der ihm gerade so nahe gekommen war, sondern Rita?
Erst neulich hatte er doch das gleiche Gefühl gehabt. Das Gefühl, dass er nicht mehr alleine war. Sondern dass sie bei ihm sei. Auch da hatte er gedacht, sie würde jeden Moment ihre Hand in die Seine legen – obwohl sie in Paris weilte. Obwohl er natürlich alleine spazieren ging.
Als er Rita später davon erzählt hatte, hatte sie zugegeben, etwa zu diesem Zeitpunkt auch an ihn gedacht zu haben. Und vorhin, auf der Bank, da musste er wieder an sie denken. Und sie vielleicht jetzt an ihn?

Lächelnd wandte sich Phillip wieder nach vorn. Ja, oh, wie sehr liebte er Rita und mochte sie ihn lieben! Trotz ihrer Trennung auf diese Distanz waren sie sich näher, als er es Elisabeth je gewesen war. Bald schon, sobald er etwas Geld übrig hatte, würde er zu ihr nach Paris fahren und sie endlich in seine Arme schließen.
Und gleich, wie übel ihm das Schicksal im Bezug auf eine Arbeitsstelle auch mitspielen mochte, gleich wie hoch seine Schulden sich auftürmten – Phillip fühlte sich reicher und glücklicher, als mancher arbeitende Geldverdiener.

Nachdem er sich so etwa 400 Meter von der Hütte entfernt hatte, verließ Phillip den Weg und drang durch das Dickicht des Waldes zu einem kleinen Hügel, der sich so unauffällig vom Boden abhob, dass nur derjenige ihn erkennen konnte, dem der Hügel bekannt war. Weiches, dichtes Laub bedeckte diesen Erdwall, genau wie überall.
Hier hatten sie zum ersten Mal miteinander geschlafen, Belinda, die er so sehr geliebt hatte – und später auch Elisabeth – und er.
Auch, wenn dies mit Belinda nun schon ein paar Jahre zurück lag, Phillip kam immer noch gern einmal an diesen Ort. Selbst heute noch, da Rita in seinem Leben war. An manchen Tagen, wenn die Sonne hoch stand, drangen einige ihrer Lichtstrahlen durch die Kronen der Bäume hernieder und malten den Ort in ein goldenes Licht.

Bevor sich Phillip bückte, um die Erde mit seiner Hand zu berühren, sah er sich um. Nein, keine Veränderungen seit seinem letzten Besuch waren zu sehen. Dann streckte er die Hand durch das Laub auf den Boden und berührte die feuchte Erde, unter der er zuerst Belinda und später auch Elisabeth begraben hatte.
Er hatte sie so sehr geliebt. Doch zu Lebzeiten hatten sie Beide diese Liebe nicht erwidert. Nun liebten sie ihn für alle Zeiten. Sie konnten ja gar nicht mehr anders.

Phillip streichelte noch einmal über den Boden, der ihre verwesten Körper gefangen hielt. »Macht’s gut, meine Lieben!« Dann stand er auf, um den Rückweg anzutreten. Bald schon würde er Rita in Paris besuchen. Sie hatte ihm zwar noch immer keine Antwort auf seinen Brief vor fünf Monaten geschickt. Aber auch sie würde ihn irgendwann lieben ...


E N D E

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