Die schöne Filippina
© 2009
»Schmeckt Ihnen der Tee, Sir?« Die junge hübsche Filippina lächelte scheu und verbeugte sich, um zu gehen.

McAppton stellte die Tasse ab und betrachtete das Mädchen eingehend. Niemand bei der Supernatural Science Association hatte ihm von ihr erzählt, als sie ihn überredet hatten, für sie als Käufer aufzutreten. Auch Devlin, der Makler, hatte kein Wort über die Hübsche verloren, als er ihm am Nachmittag das Haus gezeigt und ihm die Papiere zur Unterschrift vorgelegt hatte. Erst durch Datu, seinen hiesigen Führer, wusste McAppton, dass die Magd lebenslanges Wohnrecht in dem Haus genoss. So war sie nach dem Ableben von Lord Edwards vor drei Jahren geblieben und hatte sich weiter um den Haushalt gekümmert. Es war also kein Wunder, dass das möblierte Haus in bestem Zustand war und einen heimeligen Eindruck machte.

»Hattest du nie Furcht, Tala?«, fragte McAppton, während das Mädchen verlegen vor ihm stand. Seit Jahrzehnten hatten die Menschen im nahen Dorf Angst vor einem fliegenden Ungeheuer; nach und nach waren die Gerüchte ins Ausland gedrungen; auf den Philippinen wusste angeblich niemand etwas darüber; und doch hatte die Association allein im vergangenen Jahr neun Kinder gezählt, die des nachts in ihren Betten gestorben waren Grund genug, ihrem Drängen nachzukommen und dieses Haus zu erwerben. McAppton nippte an seiner Tasse, tat desinteressiert und lauerte auf die Reaktion Talas.

Diese straffte sich. »Furcht? Ich hatte nie Furcht. Mir kann nichts passieren.« Sie zuckte mit den Schultern und lächelte. »Lord Edwards war ein so guter Mensch! Er beschützte mich stets vor allen Gefahren, tut dies auch jetzt, noch nach seinem Tod.« Ihre Mandelaugen blitzten.
Lord Edwards. McAppton nickte. Er kannte den Mann nur aus dem Internet. Edwards hatte hier, in diesem Haus, zurückgezogen gelebt. Aber was über ihn zu lesen war, unterstrich Talas Aussage: Edwards musste ein feiner Kerl gewesen sein. Ob zwischen ihm und dem Mädchen etwas gelaufen war?

Tala war relativ groß für eine Filippina. Schlank und wohl gebaut, soweit ihr weites Kleid es erkennen ließ. Ihre bronzefarbene Haut schien makellos. Eben und gleichmäßig war ihr Gesicht. Darin eine süße Stupsnase über wunderbar geschwungenen Lippen. Wenn Edwards ein Mann gewesen war und in Tala Gefühle entfacht hatte, trotz des Altersunterschieds ... Doch halt! War nicht in dem einen Online-Artikel zu lesen gewesen, dass Edwards angeblich schwul gewesen sei?
Überrascht von der Erinnerung sah McAppton zu der Filippina auf. Anfang zwanzig mochte sie sein. Es war ausgeschlossen, dass zwischen ihr und dem alten Edwards etwas gewesen war. McAppton zwinkerte ihr zu und entließ sie mit einer Handbewegung. Es gab über Wichtigeres nachzudenken.

»Sir ... Mr McAppton ...« An der Tür blieb Tala stehen. »Was ... wird nun geschehen? Sie sind mein neuer Herr. Werden Sie mich fortschicken? Auch wenn Sie mit dem Haus auch mich erstanden haben?« Sie ballte die Hände zu Fäusten. »Das dürfen Sie nicht! Hier«, sie sah sich um, »ist mein Zuhause. Bitte, Sir ...«
McAppton schluckte. Mitleid und Verlangen nach diesem Mädchen wallten in ihm auf. Sobald er den Dämon, der auf dieser Insel sein Unwesen trieb, aufgebracht und vernichtet hatte, würde er in sein geliebtes kleines Heim bei Glasgow zurückkehren und Devlin oder dessen Gesellschaft müssten nach einem neuen Herrn für dieses Haus suchen. Was sollte dann mit Tala geschehen? Tief atmete er durch und versuchte zu lächeln. »Keine Angst, schönes Kind, ich schicke dich nicht fort.«
Ein Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus, und ihr Körper zuckte, als wollte sie zu ihm rennen. Aber sie blieb stehen und verbeugte sich tief. »Danke, Sir, danke!« Noch immer strahlend, trat sie durch die Tür in den Gang hinaus.

McAppton spürte das Blut in seinen Adern brodeln. Vielleicht war ja doch etwas zwischen Tala und Edwards gewesen, und das Mädchen besaß einen Vaterkomplex. Wie sie ihn gerade angesehen hatte ... McAppton biss sich auf die Lippe. Er wünschte nichts sehnlicher, als Tala in die Arme zu schließen und ihren vollendeten Körper dicht an seinem zu spüren.
Du alter Narr bist wegen dem Monster hier!
Verflucht! McApptons Faust krachte auf die Armlehne seines Stuhls. Es gab Situationen wie diese, da hasste er seine Ratio. Aber die Stimme in ihm hatte Recht. Tala war ein junges, hübsches Ding zu jung und zu hübsch für ihn. Obendrein schmerzte sein kleiner Finger. Das Böse war zugegen. Er war hier, um Menschenleben zu retten und nicht, um sich in ein Mädchen zu verlieben, dem er ohnehin nichts zu bieten hatte und von dem er sich bald schon verabschieden musste.

Um sich auf seine Arbeit zu konzentrieren und einen klaren Kopf zu bekommen, ging er auf die Terrasse hinaus. Der Garten war in ebenso herausragendem Zustand wie der Rest des Hauses. Lord Edwards Landschaftsgärtner hatte die bunte Pflanzenvielfalt Asiens mit der Eleganz eines Englischen Gartens kombiniert. Die Luft war angenehm kühl und klar und erfüllt von zahlreichen Düften. Im nahen steinernen Brunnen plätscherte das Wasser, Vögel saßen zwischen den weißen Kirschblüten der Bäume und zwitscherten ihr Liedchen. Es war schwer, sich vorzustellen, dass diese Idylle täuschte. Und doch ist das Böse da draußen, sagte sich McAppton und sah über die ferne Hecke am Rande des Gartens hinweg zu den bewaldeten Kuppen der Berge. Irgendwo dort draußen musste das Monster hausen. Wo aber versteckte es sich? Private Suchtrupps hatten den Dschungel bereits durchkämmt. Vielleicht sogar geheime Regierungstruppen. Offiziell sprach zwar niemand von dem Ungeheuer, doch möglich war es durchaus, dass auch die Regierung inzwischen dem Gerücht nachgegangen war. Irgendwie musste es schließlich eine Erklärung für den Tod der Kinder geben. Immerhin waren nur zwei von ihnen noch im Säuglingsalter gewesen.

McAppton blinzelte gegen die untergehende Sonne an und blickte aufs Meer hinaus. Würde er den vermeintlichen Drachen zu Gesicht bekommen? Es war etliche Zeit her, dass jemand behauptet hatte, ihn gesehen zu haben. Doch die Inselbewohner trauten sich nachts ohnehin nicht mehr aus ihren Häusern. Patnanungan war bei Eintritt der Dunkelheit am Vorabend wie ausgestorben gewesen. Die eine Nacht im Hotel hatte genügt, sich von der Angst der Menschen zu überzeugen.
Der Schmerz in seinem kleinen Finger nahm zu. Wie immer wenn Gefahr drohte. Doch womit hatte er es diesmal zu tun? McAppton wusste es nicht. Ein Geist schien es jedenfalls nicht zu sein. Eher ein Dämon.

Er erschrak, als er plötzlich eine Bewegung hinter sich spürte [...]

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