Cerwood Castle
© 2009
Cerwood Castle lag im rötlichen Licht der untergehenden Sonne. Hoch oben auf dem Berg musste die Burg einst einschüchternd auf jeden Feind gewirkt haben. 150 Jahre, nachdem der letzte Hausherr gestorben war, befand sie sich jedoch in baufälligem Zustand. Tatsächlich machte das Castle einen morbiden, fast unheimlichen Eindruck. Beinahe schien es, als seien die Steine blutgetränkt.

»Ist es noch weit bis Cecilia?« Professor Sir Robert McAppton lehnte sich vor und tippte dem Chauffeur auf die Schulter. Die Fahrt von Edinburgh herauf in die Highlands war lang gewesen. Bereits der Besuch im Spital am Morgen hatte ihn geschafft.

Im Rückspiegel begegneten ihm die Augen des Fahrers. »Nur noch etwa vier Meilen, Sir. Bald sind wir da.«
»Danke!« McAppton sank zurück und gab das Zeichen zum Weiterfahren. Der Brief in der Innentasche seines Jacketts wog schwer wie Blei. John Hogan hatte ihn um Hilfe gebeten.

Während der Wagen langsam anrollte, blickte McAppton noch einmal hinauf zur Burg. Spuken sollte es dort. Das seit Generationen anhaltende Gerücht hatte das Gespräch mit Tom McAllister nicht widerlegen können. Der Junge war Insasse einer psychiatrischen Einrichtung, seit er mit einem Freund die Burg aufgesucht hatte.

Das Gerede war älter als 150 Jahre, überlegte McAppton und zwirbelte an seinem rotbraunen Schnäuzer. Laut seinen Informationen waren die Burgherrn seit fast 230 Jahren allesamt auf ungeklärte Weise ums Leben gekommen; erst über James McDurbin besagte ein ärztliches Attest, er sei geisteskrank gewesen. Vor 150 Jahren war James eines Nachts aufgewacht und hatte die Sturmglocke geschlagen. Anschließend hatte er seine beiden Söhne und seine Frau umgebracht. Zuletzt war er zum Selbstmörder geworden. Splitternackt mit aufgeschlitztem Bauch hatte man ihn im Schlosshof gefunden. Er war auf die Knie gesunken, als wollte er sich vor Jemandem, der im Haupteingang stand, verbeugen.

Die Straße führte ins Tal hinab, machte eine Kehre und Bäume versperrten McAppton die Sicht. Weiter unten im Tal waren bereits die ersten Häuser Cecilias zu erkennen.

Tom McAllister und Joshua Morgan hatten dort ihren Urlaub verbracht. Fremde waren sie gewesen, doch hatten sie von dem Aberglauben der Einheimischen erfahren. Aus Trotz – oder um zu beweisen, dass das Gerede um Cerwood Castle ein Märchen sei – waren sie abends aufgebrochen. Nach Tagen hatte man Morgan blutüberströmt im Burghof gefunden. Sein Körper war von Messerstichen übersät. McAllister hatte man im Wald aufgelesen. Irre. Alle Vernehmungen, alle Untersuchungen waren ergebnislos verlaufen. McAllister hatte nur da gesessen und mit großen Augen drein gestarrt. Genau, wie in Edinburgh, wo er ihn am Morgen besucht hatte. Nachdenklich seufzte McAppton.

Die Limousine hielt. ›Everly‹, stand über der Tür des Hauses, vor dem sie stoppten. Hier hatte John Hogan für ihn ein Zimmer reserviert.
»Sir ...« Der Chauffeur öffnete die Tür.
Das Hotel war sauber und gab sich Mühe, edel zu wirken. Wahrscheinlich war es das einzige im Ort – oder zumindest das bessere.
Das Zimmer war einfach, nur mit dem Nötigsten ausgestattet – Bett, ein Schrank, eine Kommode, ein Tisch mit zwei Stühlen, eine weiterführende Tür in ein kleines Bad. Einen Fernseher, geschweige denn Internetanschluss gab es nicht.

McAppton warf den Koffer auf das Bett. Dann trat er ans Fenster. Der Tag verblasste, und die Nacht brach an.
War es Zufall, oder hatte Hogan, der alte Fuchs, das Zimmer eigens so gewählt, dass Cerwood Castle in seinem Blickwinkel lag? Im Innern der Burg, so erzählte man sich, sollte nachts das Blut der Toten zu sehen sein, die Ian McDurbin, der Errichter des Castles, hingeschlachtet hatte. James' Urgroßonkel väterlicherseits musste so etwas gewesen sein wie der Graf Draculea der Highlands. Mit eiserner Hand hatte er das Land und die Menschen darin verwaltet und beides ausgebeutet. Wer nicht spurte war gefoltert worden, nicht selten bis zum Tod ...
Ein Klopfen an der Zimmertür riss McAppton aus seinen Gedanken. [...]

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