Sie kommen nachts
© 2009
Ein lautes Summen weckte ihn. Anfangs glaubte Marcus, jemand würde den Motor seines Wagens laufen lassen. Dann entsann er sich, allein auf der Insel zu sein. Onkel Jonah und die anderen waren zum Festland hinüber, um Dichtungsmaterial für das Loch im Dach der Scheune zu besorgen. Vor morgen Nachmittag würden sie nicht zurück sein.

Marcus schaltete die Nachttischlampe ein und rieb sich die Augen. Da bemerkte er die Schatten. Unzählige schwarze Pünktchen schwirrten vor der Fensterscheibe. Waren es Fliegen? Oder Mücken? Wo kamen sie her?

Er stand auf und trat näher. Es mussten Tausende sein. Wie besessen schwärmten sie dort draußen, als wollten sie zu ihm. Zu wild waren ihre Bewegungen, als dass er erkennen konnte, um welche Spezies es sich handelte. Scheinbar aber waren sie alle von derselben Art.

Hektisch überlegte er, was sie vorantrieb. Etwas Derartiges hatte er noch nie erlebt. Unten im Haus brannte kein Licht, das sie angezogen haben könnte. Tante Rosies himmlisch schmeckende Marmelade, die man besser nur drinnen genoss, um das Getier fernzuhalten, stand gut verschlossen im Küchenschrank. Auch sonst war nichts anders im Haus als in anderen Nächten.

Klack!

Eins der Tiere war gegen die Scheibe geflogen. Marcus sah, wie der kleine Körper in die Tiefe stürzte. Die anderen Viecher ließen in ihrem Rasen nicht nach.

Klack! Wieder stürzte eins zu Boden. Was wollten diese Biester?!

Aufgeregt sah Marcus ihrem Treiben zu, als ihm der Kamin im Wohnzimmer einfiel. Wenn diese Insekten unbedingt herein wollten: Dort hatten sie die Möglichkeit.

Plopp!

Er starrte auf die rechte obere Ecke der Scheibe, woher das Geräusch gekommen war. Das Glas hatte gewackelt. Zu Dutzenden waren sie gleichzeitig dagegen geflogen. Das Fenster hatte Stand gehalten doch noch immer konnte Marcus den nahen Wald nicht sehen, so unendlich viele wimmelten dort draußen.

»Was wollt ihr?«, krächzte er. Im selben Moment begriff er die Lächerlichkeit seines Tuns: Es waren Insekten!

Langsam trat Marcus von dem Fenster zurück. War es gerade ganz geblieben, so würde es auch weiterhin halten. Wie aber stand es um den verdammten Kamin? Er lauschte, ob von dort bereits das Summen dieser verwünschten Geschöpfe erklang. Onkel Jonah würde ihm den Kopf abreißen, wenn etwas in dem Haus geschah, auf das er achtgeben sollte! Ein Feuer im Kamin war bestimmt das Beste ...

Gerade, als Marcus das Zimmer verlassen wollte, vernahm er das Geräusch zerspringenden Glases. Er wirbelte herum. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er das Loch im Fenster, dann stürzte eine Wolke von Hautflüglern über ihn her, deren Art er noch immer nicht zu benennen wusste. Panisch schlug er mit den Händen, um sie fernzuhalten und drehte sich dabei im Kreis. Sie raubten ihm die Sicht. Körper an Körper, Flügel an Flügel bedrängten ihn. Sein Kampf war aussichtslos. Mit seinen Schlägen richtete er nichts aus. Zu Dutzenden landeten sie auf seinen nackten Armen und Beinen. Schnell waren auch seine Brust und sein Rücken bedeckt. Als sie ihm über das Gesicht krabbelten, kniff er die Augen und Lippen zusammen. Doch er konnte ihr Eindringen in seine Nase nicht verhindern. Sie nahmen ihm die Luft zum Atmen. [...]


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