Trautes Heim
© 2009
»Boah, was ist das denn!« Entsetzt starrte Peter in den Karton, den er soeben geöffnet hatte. Von den guten Biergläsern, die er von seinem Großvater geerbt hatte, waren nur noch Scherben übrig.

Susi, von seinem Schrei alarmiert, legte den Arm um ihn. »Hattest du sie denn nicht in Zeitungspapier gewickelt? – Oh Schatz, das tut mir so leid ...«
Wut wallte in ihm auf. »Bernd, der Depp, hat sich um das Geschirr gekümmert«, knurrte er. »Ich hätte wissen müssen, dass der Esel zu blöd ist, vernünftig zu packen!«
»Er hat aber kräftig mit angepackt«, versuchte Susi ihn zu besänftigen. Erneut blickte sie in die Kiste. Ein Seufzer entfuhr ihr.
»Ja, du hast Recht, einer von uns hätte sich darum kümmern sollen. Schließlich kennen wir Bernd. Er arbeitet wie ein Ochse – im wahrsten Sinne des Wortes. Hat für das Filigrane keinen Sinn.« Peter kniff die Lippen zusammen, sich mit dem Verlust abzufinden. Noch einmal, dreizehn Jahre nach dem Tod des Großvaters, galt es Abschied zu nehmen.

»Du«, Susi blinzelte zu ihm auf, »das kaputte Glas bedeutet jetzt aber nicht, dass wir neun Jahre Pech haben, oder?« Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Es war genau das Lächeln, das Peter so sehr an ihr liebte. Susi war ebenso wenig abergläubisch wie er, und das Strahlen in ihren Augen verriet wie glücklich sie nach dem Umzug war; die Möbel standen, das Meiste war getan, und von einem Haus wie diesem hatten sie so lange geträumt. Es gab keinen Grund, unglücklich zu sein. »Es wären sieben Jahre, soviel ich weiß«, erwiderte er mit hochgezogener Augenbraue.

»Neun«, trotzte sie und warf den Kopf in den Nacken wie eine seiner widerspenstigen Studentinnen. Damit machte sie seinen Gram zunichte. Es gab nur eines, indem er sie unterrichten konnte und nun auch wollte.

Gerade wollte er sie an sich ziehen, da wandelte sich Susis Gesichtsausdruck. »Da! Das war vor zwei Wochen aber noch nicht da.« Damit deutete sie auf eine Stelle hinter seinem Kopf.
An der weiß getünchten Decke zeichnete sich ein dunkler Fleck ab.

Ihm verging die Lust so schnell, wie sie gekommen war. »Scheiße! Ich hab’ doch gleich gewusst, dass diesem Schöller nicht zu trauen ist. Dieses Haus für diesen Preis, da musste doch ein Haken dran sein! Wahrscheinlich sind die Rohre und Leitungen hier uralt und seit etlichen Jahren nicht mehr überprüft worden.«
Susis grüne Augen weiteten sich. »Du meinst ... ein Wasserrohrbruch?«
»Was ...« sonst?, wollte er erwidern. Doch er bekam kein Wort mehr heraus, als der Fleck an der Decke zusehends größer wurde und sich rötlich verfärbte. Wie konnte das sein?
»Was sollen wir tun?«, fragte Susi.
Er blinzelte – und das Rot war verschwunden. Irritiert schüttelte Peter den Kopf. »Kacke ...« Ja, hatte er sich die rötliche Schattierung der Wand denn nur eingebildet? Offenbar. »Ich werde den werten Herrn Schöller, diesen musterhaften Makler, anrufen und um eine Erklärung bitten! Schließlich hat er so getan, als wenn sich das Haus in bestem Zustand befände. Mit einem Rohrbruch war jedenfalls nicht zu rechnen.« Entschlossen stapfte Peter aus dem Wohnzimmer hinaus in den Korridor. Das Telefon war angeschlossen. Es war das Erste gewesen, was in diesem Haus funktionierte. Auf die Telekom war immerhin Verlass. Doch – wieso ertönte das Freizeichen nicht? Er legte auf und versuchte es gleich noch einmal. Doch auch jetzt blieb die Leitung tot.

Susi kam gerade in den Korridor hinaus, als er nach dem Handy suchte. Verblüfft hielt sie inne. »Was ist los?«, fragte sie, bevor sie weiter zur Küche ging, in ihren Händen den Karton mit dem kaputten Glas.
»Wo ist seine Visitenkarte?«, rief Peter ihr nach und stellte erleichtert fest, dass wenigstens das Handy funktionierte. In der Küche gab es einen gehörigen Rumms, als Susi die Scherben in die Mülltonne entsorgte. »Von wem?«, hakte sie nach. Dann: »Ach, schau mal in meine Handtasche! Schöllers Karte müsste dort sein.«

Die Karte befand sich tatsächlich darin. Doch wieso hatte Susi sie an sich genommen und nicht er? Mit einem Blick auf die Uhr verdrängte Peter den Anflug von Eifersucht. Wieder waren einige Minuten vergangen, in denen er nach der Tasche gesucht hatte. War es nicht sinnvoller, eine Handwerkerfirma zu beauftragen, bevor diese Feierabend machte? Schöllers Firma oder deren Auftraggeber konnte er später noch informieren und das Geld zurückverlangen. Er nahm die Visitenkarte an sich – und musste feststellen, dass das Handy keinen Empfang mehr hatte. Genervt trat er aus dem Schlafzimmer zurück in den Flur ... und ja, langsam kletterte der Zeiger auf dem Display des Geräts wieder hoch.

»Deine Lieblingsbücher, möchtest du sie im Wohnzimmer oder lieber im Schlafzimmer?«, erkundigte sich Susi, während er in den Gelben Seiten nach einer Firma suchte und die Nummer eingab. Es klingelte am anderen Ende der Leitung. »Egal«, erwiderte er, als abgenommen wurde. Eine sympathische Stimme teilte ihm mit, von wann bis wann die Geschäftszeiten waren. Ein Band!

Mit dem Handy in der Hand ging Peter ins Wohnzimmer. Er hasste es, auf einen Anrufbeantworter zu sprechen. Offenbar aber hatte er keine andere Wahl. Bestimmt würde ihm der verdammte Fleck an der Decke helfen, die richtigen Worte zu finden ... Er nahm das Handy vom Ohr und drückte ohne hinzusehen auf Stopp. Der Fleck war verschwunden.
»Susi!«, schrie er. Ja, drehte er langsam durch? Das war unmöglich! Wie konnte ein Wasserfleck von jetzt auf gleich verschwinden?
Susi kam herbei. »Ja, Schatz?«
»Schau!«
»Was ist das denn?« Ihre Stimme klang schrill. Ihre Augen weiteten sich, und die Farbe wich aus ihrem Gesicht. »Alles rot! Blutrot.«
Peter starrte zur Decke hinauf.
Nein, da war nichts rot. Nicht einmal mehr der Hauch eines Wassertropfens. Wieso aber sah Susi nun, was ihm vorhin passiert war, obwohl nichts zu sehen war? Peter glaubte zu träumen und ergriff ihren Arm. »Schatz ...«

Plötzlich ertönte ein Heidenlärm, als die Decke über ihnen erbebte. Putz bröckelte ab. Im nächsten Moment löste sich ein Stein. Gerade noch rechtzeitig konnte Peter Susi von der Stelle ziehen, bevor weitere Steine herunter knallten. Gleichzeitig durchwehte ein eisiger Windhauch das Zimmer. Die Fenster klirrten, und kleine Gegenstände, die bereits ausgepackt und aufgestellt waren, wurden aufgewirbelt. Und dort, wo die Decke eingestürzt war, erblickte Peter einen Erhängten im Dachstuhl. Halb verfault. Maden und Fliegen labten sich an ihm. [...]

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