An den Feuern
© 2009
Sein Blick wanderte hinauf zu den Wohnungen. Dort, oberhalb der Geschäfte, waren die Menschen im Warmen, sie feierten mit ihren Lieben, es fehlte ihnen an nichts. Rudi hatte einst selbst Familie gehabt, einen Beruf, geregeltes Einkommen. Ich wusste genau, woran er im Augenblick dachte.
»Wir haben uns.«
Freundschaftlich stieß ich ihm in die Seite und klappte den Kragen meines Mantels höher. Es war eine eisige Nacht und das Feuer, das vor uns in einer Tonne brannte, der einzige Trost für uns. Rudi streckte die Hände gegen die Flammen. Er zuckte mit den Schultern.
»Ja, wir haben uns. Ein von der Gesellschaft Ausgestoßener hat den anderen. Was könnte man sich mehr vom Leben wünschen?«
Die Caritas hatte uns zur Feier des Tages Tee ausgegeben. Mit einem Schuss Schnaps versetzt, schmeckte er sogar. Ich hob meinen Plastikbecher in Rudis Richtung.
»Weihnachten mit Freunden sag bloß, das wär' nix.«
Er hatte seinen Becher bereits geleert, und so reichte ich ihm meinen.
»Du hast nie einen anständigen Beruf gelernt, Bernd«, sagte er. »Hast gedacht, dich als Musiker behaupten zu können. Ich aber, ich hatte einst alles. Nichts ist mir geblieben ...«
Die Gestalten um uns Leidensgenossen, allgemein als Penner verschrien sie alle teilten ein ähnliches Schicksal wie Rudi oder ich: Irgendwie, irgendwo, irgendwann hatten wir alles verloren. Im Grunde aber musste ich Rudi recht geben: Ich musste mir vorwerfen, mein Leben nicht richtig angepackt zu haben. Und Rudi er war Opfer des Glückspiels geworden. Vom Geschäftsführer eines Discount-Marktes war er abgestürzt, um nicht mehr zu haben, als ein paar wenige Habseligkeiten.

»Dennoch ist Weihnachten mit Freunden besser als allein.« Ich rang mir ein Lächeln ab. »Glaub mir, hinter manch einem dieser Fenster ist der ein oder andere, dem's noch beschissener geht als uns.«
»Möglich.«
Rudi leerte meinen Becher. »Ich könnte noch etwas trinken«, sagte er achselzuckend.
»Conny drüben«, mischte sich Lutz in unser Gespräch, »hat eine Pulle Schnaps.«
Ein Grinsen zuckte über Rudis Gesicht. Er stakste davon, hinüber zum Nachbarfeuer, wo Conny stand und seine Flasche mit den anderen teilte.

Plötzlich wurde es unruhig. Weiter vorne, dort, wo die ersten Tonnenfeuer in dieser Häuserschlucht aufgestellt waren, kam Leben in die Gefährten. »Ahs!« und »Ohs!« ertönten, und die Kameraden schienen nach Hilfe zu suchen. Neugierig verließ ich mein Feuer und trat näher. [...]


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