Kessie
© 2005
Zugegeben, für ein wenig verrückt hatte ich meine Schwester ja schon immer gehalten. Auch wenn ich dennoch meist zu ihr aufsah. Immerhin war sie mit ihren elf Jahren zwei Jahre älter als ich und schien für mich somit fast schon erwachsen. Im vergangenen Sommer aber hatte sie sich höchst merkwürdig verhalten und oft so getan, als führte sie einen Hund an der Leine. Sie gab ihm sogar den Namen »Kessie« und rief nach ihm! Wochenlang verhielt sie sich, als gäbe es tatsächlich diesen Hund. Erst dann ließ sie diese Albernheit endlich sein. Aber sie sprach noch immer von »ihrer Kessie«. Meine Schwester wünschte sich ja nichts sehnlicher als ein solches vierbeiniges, kaltschnäuziges Etwas in Wirklichkeit zu besitzen! Mich schauderte bei der Vorstellung. Wenn es zwei Dinge gab, die ich verabscheute und vor denen ich mich fürchtete, so waren dies Zahnärzte und Hunde. Ich erinnerte mich nicht mehr, dass ich im Alter von drei Jahren von einem Schäferhund umgeworfen worden war, der mich ansprang, um mit mir zu spielen. Erst später sollte mir meine Mutter diese Erklärung für meine Antipathie geben.

Als das Weihnachtsfest näher rückte und wir gefragt wurden, was wir uns denn wünschten, antwortete meine Schwester prompt: »Na, Kessie, meinen süßen kleinen Hund möchte ich haben! Was denn sonst?«
Mir wurde schwindelig. Nein, alles, bloß keinen Hund!
»Ach Maria«, seufzte unsere Mutter, »das geht doch nicht. Darüber haben wir doch schon so oft gesprochen. Wir haben keinen Platz dafür.«
Ich atmete auf. Wir wohnten zwar in einem eigenen Haus, an das ein kleiner asphaltierter Hof angrenzte aber wie gut, dass wir keine Wiese hatten, die, so erklärte unsere Mutter weiter, ein Hund doch bräuchte.

Entgegen meinen Hoffnungen war das Thema damit aber noch keineswegs vom Tisch. Wenn wir in der Vorweihnachtszeit abends beisammensaßen, Mutter eine Geschichte vorlas und wir uns am Schein der Adventskranzkerzen erfreuten, fand Maria noch so manche Gelegenheit, wieder von »Kessie« zu sprechen. Zum Glück aber schien all ihr Betteln bei unseren Eltern nichts zu nützen.

Dann kam das Weihnachtsfest. [...]

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