McAppton und due Werwölfe
© 2010
Die Welt schien still zu stehen, als Sir Robert McAppton auf das Ding auf dem Seziertisch blickte. Es kostete ihn Überwindung und Fantasie, den Leichnam eines Menschen zu erkennen. Das Fleisch war zum größten Teil heruntergerissen, ein Gesicht nicht mehr vorhanden, die Knochen gebrochen oder fehlten.

»Glauben Sie nun, dass wir es mit einem Werwolf zu tun haben, professore?« Die Stimme Claudio Berettos klang rau. Furcht lag in seinem Blick.
Mit einer Handbewegung bat McAppton den Mediziner, das Leichentuch über den Toten zu decken. Der Pathologe gehörte der weltweit agierenden Supernatural Science Association an, deren E-Mail ihn alarmiert hatte. Seit vier Monaten fand man entstellte Leichname während der Vollmondnächte rund um Turin, sodass McAppton kurzentschlossen angereist war. »Einiges spricht dafür«, stimmte er bei, »nicht zuletzt die Bissspuren. Dennoch brauche ich nähere Informationen, um alles andere auszuschließen.«

»Scusi!« Beretto riss die Augen auf. »Alles andere?«
Bevor McAppton näher darauf eingehen konnte, meldete sich commissario Colona zu Wort.
»Der colonnello setzt all seine Hoffnung auf Sie, professore. Sie können versichert sein, wir haben alle in Frage kommenden Möglichkeiten überprüft.«
McAppton lächelte verständig. »Davon bin ich überzeugt. Doch«, er wandte sich wieder dem Mitglied der Gesellschaft für Paranormale Phänomene zu, »wurde auch bestimmt alles andere ausgeschlossen? Soweit ich unterrichtet bin, starb der letzte echte Werwolf vor 50 Jahren.«
»Sie glauben ...« Beretto senkte den Blick.
Milde nickte McAppton. Der Pathologie schwieg, um nicht vor dem Polizisten über die in Frage kommenden Dämonen reden zu müssen. Er gab Colona ein Zeichen.
Der commissario verstand den Wink und ließ sie allein.

»Nun?«, forschte McAppton.
»Eh, professore!« Beretto zog die Schultern an. »Die Bisswunden, der Vollmond, die Toten ... scusi! Was hier vorliegt, scheint mir offensichtlich. Ihnen nicht?«
»Sie wissen so gut wie ich, Beretto, das Böse zeigt sich in vielerlei Gestalt. Gern führt es uns an der Nase herum. Die Dinge sind oft nicht so, wie sie auf den ersten Blick scheinen.«
»Si!« Beretto erstarrte. »Aber Sie glauben doch nicht ...«
»Ich glaube gar nichts außer dass wir es mit dem Bösen zu tun haben.«
McAppton drehte sich um und ging zur Tür. Dort hielt er inne. »Verbrennen Sie die Leiche! Wir haben noch Vollmond, und«, durch das Fenster auf der anderen Seite des Raums fiel das Licht der Nachmittagssonne, »in ein paar Stunden beginnt die Dunkelheit.« [...]

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