Das Kartenspiel - eine Legende

© 2006
Alle Augen richteten sich auf Manfred, der regungslos dasaß. Sein Gesicht zeigte keine Reaktion. Nur ein einzelner Schweißtropfen trat aus dem dichten, blonden Haar heraus und lief ihm langsam über die hohe Stirn.
Flüchtig wischte Manfred ihn mit dem rechten Handrücken fort, während er auf die Karten in seiner Linken sah. Drei Könige, zwei Siebener. Er hatte heute schon viel verspielt; jetzt hatte er sogar sein Haus gesetzt. Roland, der ihm gegenüber am Tisch saß, schmunzelte zufrieden. Offenbar hatte er ein besseres Blatt auf der Hand.

»Na, lass schon sehen!«, sagte der. »Du hast es selbst so gewollt. Hättest ja rechtzeitig aussteigen …« Er unterbrach sich, als sie den Klang der Glocken von der Kirche her hörten, die das Weihnachtsfest einläuteten. In wenigen Minuten würde Pfarrer Lönsdorf die heilige Christmette eröffnen.

Roland blickte die anderen Männer an, die bei ihnen am Tisch saßen oder dicht herangedrängt standen. Ein paar von ihnen lösten sich, um zum Gottesdienst zu gehen wie viele andere aus ihrem kleinen Dorf. Manfred registrierte es nicht. Vielleicht nahm er noch nicht einmal die Glocken wahr, so wie er dasaß und auf die Karten in seiner Hand starrte.

»Was ist, Männer?«, rief der Wirt hinter dem Tresen zu ihnen herüber.»Ich will zusperren. Werdet mal fertig!«
Roland nickte ihm zu. »Nur die Ruhe, ich übernehme gerade Mannis Haus, dann kannst du in die Mette.« Wieder blickte er zu Manfred hin. »Na, komm schon, deck endlich auf! Wir haben nicht ewig Zeit.«
Manfred räusperte sich. Langsam nickte er. Dann legte er die zwei Siebener offen auf den Tisch.
Ein Raunen ging um.
»Mehr hast du nicht zu bieten?« Roland sah fast mitleidsvoll drein. »Und da setzt du dein Haus?«
Er legte drei Damen offen ab. Was auch immer die letzten beiden Karten waren, es blieb ein Geheimnis. Er legte sie verdeckt hin.

Manfred atmete hörbar auf. Als er Roland ansah, strahlten seine Augen. »Tja, ich behalte wohl mein Haus.« Mit diesen Worten zeigte er seine Karten. Full House.
Roland stöhnte. »Schade! Hätte gern deine Bude übernommen. Was hältst du davon, wenn du versuchst, alles zurückzubekommen, was ich dir bisher abgeknöpft habe? Vielleicht ist deine Pechsträhne ja jetzt vorüber, hm?«
Der Wirt kam heran. »Ich denke, ihr solltet euch auf den Weg in die Kirche machen. Kommt schon, Männer, geht!« Er nahm die leeren Gläser vom Tisch und wandte sich wieder ab.

Da hielt ihn Manfred am Arm fest. »Moment, Fritz! Du vertraust mir doch, oder?«
Der Angesprochene sah ihn irritiert an. »Klar. Wir kennen uns schon seit unserer Kindheit. Wir sind Freunde.«
»Dann geh ruhig in die Kirche! Roland und ich bleiben hier und spielen noch ein Weilchen.«
Fritz zog die Stirn kraus. »Hm«, machte er. »Ich kann mich drauf verlassen, dass alles mit rechten Dingen zugeht und keiner die Zeche prellt?«
»Klar! Du kennst uns doch.«
»Na gut, meinetwegen.« Widerwillig ging Fritz zum Tresen zurück, stellte die Gläser ab und band sich die Schürze los.

Roland blickte Manfred belustigt an. »Wenn ich mich recht entsinne, dann habe ich dir heute fünfhundert Euro abgeknöpft. Gerade hast du hundert gewonnen. Spielen wir also weiter!«
»Ja«, nickte Manfred und schob dem Kameraden die Karten zu.»Dann misch mal anständig!«

Tatsächlich schien Manfred das Glück von da an gewogen. In den nächsten zwanzig Minuten gewann er beinahe all das verspielte Geld zurück.
Als er erneut mit Mischen dran war, fiel ihm eine Karte auf den Boden. Er bückte sich, um sie aufzuheben, und erstarrte.
Unter dem Tisch lag ein Hufeisen.
Langsam setzte er sich wieder auf und blickte Roland entgeistertan.
Als der die Augen seines Kameraden sah, fragte er: »Wasist los? Bist du dem Teufel begegnet?« Er schmunzelte.
Hastig nickte Manfred. »Da … liegt ein Hufeisen … unter dem Tisch«, stotterte er.
Roland grinste. »Ein Hufeisen? Ist klar. Wer sich die Heilige Nacht mit Kartenspielen um die Ohren haut, anstatt in die Mette zu gehen, der muss ja irgendwann Gespenster sehen.«
»Da liegt wirklich ein Hufeisen!«, brauste Manfred auf.
Einer der Männer, die bei ihnen geblieben waren, beugte sich hinunter, um nachzusehen. »Ja!«, stieß er aus und starrte dann die anderen entsetzt an. »Wo kommt das her?«

Jetzt sah auch Roland nach.
Tatsächlich lag es da: ein altes, verschmutztes Hufeisen.
Er warf den Freunden einen Blick zu und griff nach dem Ding.
Blitzartig zuckte seine Hand zurück. Es war heiß! [...]


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